Die letzten Tage im August (3)

Haus

Wir gehen zwischen den Kiefernbäumen umher, wie zwischen den geladenen Gästen einer großen Feier. Einige sind alt geworden, man erkennt sie noch an der Haltung und doch alle sind liebgewonnen, denn sie sind mit uns älter geworden. Sie sind noch da.Das Laub der Bodenkriecher raschelt, die Kienäpfel stechen in die blosen Ballen, die Fersen, die Zehen.

Wir sitzen auf kratzigen Stuhlkissen, an einem kleinen quadratischen Tisch in braun. Es gibt Kaffee aus kleinen Tassen mit anders aussehenden Untertassen – die passenden Gegenstücke sind vor langer Zeit zerbrochen. In der Zuckerdose liegen Zuckerklumpen, zum Rauskratzen mit Plastelöffel. Ein scharfes langes gutes Messer aus dem Küchenschrank in Sprelacart schneidet den immer wiederkehrenden Zuckerkuchen. Man kann in den Schränken auch fündig werden, wenn man den Lauf der Geschichte in drei Währungen lesen will. All das, in seiner schnörkelosen Nonchalance, gehört genau so zum Hiersein, wie das Eichhörnchen, was einmal am Tag die Zweige der in den Himmel ragenden Bäume als verwinkelte Nebenstraßen in Nachbars Garten benutzt.  Oder der Specht, der mal hier mal da etwas zum Klopfen findet. Tock tock tocktocktock unterstreicht er die Ruhe.

Die großen süßen Streusel des Zuckerkuchens, der Grundlage unserer Kaffeekränzen, die immer häufiger werden, je mehr unsere Tage hier zu einem kleinen Rest zusammenschmilzen, verschwinden als Erstes. Wie oft noch? Vielleicht noch 3 Mal? Nur noch? Ja und dann? Niemehr unter diesen Bäumen gehen und sitzen und abwaschen, auf dem kleinen Tisch in zwei Schüsseln. Nie mehr eine Runde um das kleine stille freundliche Haus drehen, aus dem der vertraute Geruch der Generationen und feuchten Wände leise durch die weißgardinten Fenster schwebt.

Kindheitserinnerungen:
Mittagsschlaf im hinteren Zimmer, die Fensterläden zugeklappt, der runde Kreis ausgeborter Löcher schaute uns Kindern beim Schlafen zu. So tief und fest in dunkler Höhle, wie Kinder schlafen, wenn Mittagshitze aufs Land fällt.
Seltsame Familienfeiern mit zugeknöpften Erwachsenengesichtern, in die wir Kinder arglos schauten, mit leisem Unbehagen, um kurz darauf den behäbigen Gesprächsrunden auf unseren Rädern zu entfliehen und auf dem Kletterbaum Geheimnisse zu teilen.
Vorführungen: mein Cousin und ich, albern verkleidet als Gigolo – und Marilyn Monroe – Verschnitt, liefern die Grundlage zum kurzzeitigen Überspielen all der Brüche zwischen Erwachsen, die milde lächelnd am Bühnenrand stehen, während wir für Minuten vergessen, wer wir wirklich sind.

Erwachsenenerinnerungen:
das Schauen in den Regen, der mit gutmütigem, stetigem Tropfen, die Sekunden durcheinander bringt, bis es nachhallt und immer lauter in mir, in mein Herz schlägt, das seinen Takt wiederfindet. In den Regen gesungen, all die dämlichen Hoffnungen auf den oder den.
Tage und Nächte mit meiner Freundin. Die Hippiedusche unter dem Baum, das abendliche Sitzen bei Kerzenlicht und Wein, in die Stille gesprochene Worte und Träume, die Mücken spielen die Melodie dazu. Rauchen muss sein, die zerkratzten Beine sind Grund genug. Grillen zirpen, manchmal fährt ein Auto sehr langsam auf der kleinen Straße vorbei. Tagsüber führen unsere Radtouren zu den verstreut liegenden Seen, auf schon zugeschüttenden Kindheitswegen.

In der in der Zeit zwischen damals und jetzt, zwischen Kindheit und Erwachsensein, ab und zu ein paar Tage dem Duft der Vergangenheit nachgeschnüffelt und die Einfachheit romantisch geliebt.

Damals, weißt Du noch – jetzt werden die Erinnerungen wie alte Fotos herausgeholt – damals war unten im Dorf der Bäcker noch in dem Haus mit der Treppe, die Treppe gibt es nicht mehr, der Bäcker ist umgezogen. Aber noch früher, als der Vater noch ein Junge war, war dort ein Kino, in das er in einen nicht jugendfreien Film von seiner Großmutter und seiner Mutter reingeschleust wurde. Vielleicht unter knielangen Trenchcoats oder mit allen Tricks der geschichtengeschwängerten Berliner Schnautze. Und da, hinter dem Lindenbaum, war der Glaskasten, eine Kneipe, die sich ihren Zweitnamen durch eine lange Fensterfront erworben hatte. Die Straße weiter runter war die Drogerie, ein kleines Postamt, sogar eine kleine Bank. Ja es gab auch zwei Kindergärten und eine Schule, früher und diverse Verkaufstellen.

So viele vergangene Orte an den Erinnerungswegen.Wir haben alle welche hier.Ein Viergenerationenparadis. Was wird bleiben außer Fotos? Vielleicht werden wir melancholisch beim Anblick trockener Sandböden und schlanker Kiefern, die sich nach weißen Wolken strecken? Vielleicht wird uns warm ums Herz beim Geruch eines Handtuchs, dass in der Sonne zum Trocknen hing.

Und was wird mit dem Haus geschehen, wenn wir nicht mehr dort an den Wochenenden ein- und ausgehen? Das Häuschen voller Geschichten, das Häuschen mit den freundlichen Augen. Das Schutz und Fluchtort ist, Flucht vor dem Alltag, der Realität, dem Lärm, der Stadt, dem Leben an sich, was manchmal bleischwer auf unsere Füsse fällt?
Die Umrisse des neuen Hauses der Käufer sind schon abgesteckt. Ich kann die Bäume ansehen, die bald Zugunsten dieses fallen werden. Ich kann sie ansehen und bemitleiden, oder doch nur mich selbst? Weil ich diese stillen Freunde verrate. Aber ich kann doch nichts dafür, will ich zu ihnen sagen. Einem jeden von ihnen die raue Rinde streicheln: Es tut mir leid! Als wäre das Unglück damit vergolten.
Einige von Euch sagen: Was geht uns das Haus der anderen Leute an und was sie hier fällen ist ihre Sache, sie haben es schließlich bezahlt! Sagen es leicht daher, mantraartig. Kann man das denn? Kann Geld überhaupt gleichwertig sein?
Ich sehe es aber anders! will ich rufen und schlucke den Kloß doch nur runter. Es ist auch mein Baum der hier gefällt wird.

Es ist nicht deins, es gehörte dir nie.
Nein nie, auf dem Papier, aber Verbundenheit geht auch ohne Vertrag. Sie ist einfach so gewachsen. Eine Liebe, die so schlicht und einfach ist wie dieser kleine Fleck Erde und sich darin begründet, dass wir hier waren, wer wir sind. Einfach nur so.

 

© TEXT & BILD Fritzi Jarmatz 2012

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